Kumpanei bei Rettungsversuch immer wahrscheinlicher
Der am 23. März auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand gestrandete Buckelwal befindet sich in flachem Gewässer vor der Insel Poel. Da es ihm immer schlechter ging, hatten sich die Einsatzkräfte gegen weitere Rettungsmaßnahmen entschieden. Nun wollen Privatfirmen doch eine Lebendbergung mit Luftkissenbooten durchführen.
Greenpeace: "Nach allen uns vorliegenden Informationen ist dieser Wal krank und stark geschwächt“, sagt Greenpeace-Expertin Daniela von Schaper. Laut wissenschaftlichen Gutachten des Deutschen Meeresmuseums und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung sind die Erfolgsaussichten des Tieres bei einer Lebendbergung sehr gering und gehen mit einem hohen Verletzungsrisiko einher. Von einer Lebendbergung sollte abgesehen werden. „Diese Position teilen wir“, so von Schaper. „Greenpeace hat sich über viele Tage an den Rettungsversuchen beteiligt. Jetzt konzentrieren wir unsere Arbeit darauf, den Schutz der Meere auch als Lebensraum der Wale voranzubringen."
Weiter heißt es: "Nach der Strandung des Wals vor Timmendorfer Strand hat Greenpeace seine Bereitschaft zur Mithilfe an das Rettungsteam vor Ort signalisiert und war auf Abruf. Am 27. März dann baten die Einsatzkräfte um Verstärkung durch unsere Schlauchboote. Nachdem sich der Wal freischwimmen konnte, haben wir mit der Bildung einer Kette aus Booten mitgeholfen, den Wal am erneuten Stranden zu hindern. Im Folgenden war Greenpeace mit unseren Meeresbiolog:innen sowie unseren Schlauchbooten vor Ort in der Wismarer Bucht und im direkten Austausch mit dem Einsatzteam. Unsere Arbeit passierte in enger Abstimmung – von der Wasserschutzpolizei bis zu den Walexperten – , um in der sich ständig veränderten Situation angemessen zu agieren. Inzwischen sind wir nicht mehr an den Einsatzmaßnahmen beteiligt. Wir sind weiterhin ansprechbar, wenn es um Fragen für den Schutz des Lebensraums der Wale geht. Unser Boot ist vor Ort und wir sind allzeit bereit, wenn wir im Sinne des Tierwohls helfen können."
Gegendarstellung
Als im Februar 2025 ein Pottwal in Sylt angespült wurde, zerlegte ein Experte für Tierverwertung das Tier in mehrere Teile. Zum Einsatz kamen Messer, Kettensägen und eine Baggerschaufel. Die Überreste wurden anschließend zu einer speziellen Tierkörperbeseitigungsstelle gebracht. Ein ähnliches Vorgehen könnte auch an der Ostsee erfolgen.
Sollte aktuell der Wal in der Ostsee sterben, ist bereits geplant, den Kadaver in das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund zu überführen. Dort soll er von Experten obduziert, vermessen und beprobt werden, um die Todesursache zu klären. Anschließend ist eine fachgerechte Entsorgung durch ein Spezialunternehmen vorgesehen, wobei das Skelett für die wissenschaftliche Sammlung erhalten bleiben könnte. Warum sollte dies auch nicht geschehen? Das ist doch ein wahrer Glücksfall, das ausgerechnet ein Buckelwahl sich bis zum Timmendorfer Strand verirrte um dort zu stranden. Was kostet es eigentlich, ein gewaltiges Buckelwalskelett zu bergen und zu transportieren – und welchen Preis haben seine Knochen in einer Zeit, in der man am Strand noch um das Leben des Tieres kämpft?
Als der riesige Buckelwal an der Ostseeküste strandete, lag die Hoffnung der Menschen wie ein dünner Schleier über dem grauen Wasser. Ein Tier von solcher Größe, solcher Würde, solcher Verletzlichkeit – es war ein Moment, der ganze Küstenorte zum Stillstand brachte. Doch während die Menschen am Strand bangten, während das Tier mit letzter Kraft atmete und sich immer wieder mühsam bewegte, zeigte sich ein anderes Bild hinter den Kulissen: ein Bild aus Bürokratie, Unsicherheit und einer Behördenstruktur, die auf ein solches Ereignis weder vorbereitet noch willens war, sich helfen zu lassen.
Denn die Wahrheit war: Die Behörden hatten keine eigenen Fachkräfte, die jemals einen Wal gerettet hatten. Keine Spezialisten, keine Erfahrung, keine internationalen Standards, wie sie in Ländern wie Neuseeland, Australien, Kanada oder den USA seit Jahrzehnten existieren. Dort gibt es Teams, die genau wissen, wie man einen Wal stabilisiert, wie man ihn kühlt, wie man ihn dreht, wie man ihn führt, wie man ihn schützt. Dort gibt es Protokolle, die in Sekunden greifen. Dort gibt es klare Einsatzleitungen, die nicht diskutieren, sondern handeln! - Doch an der Ostsee gab es all das nicht!
Was es gab, war ein Mann, der wusste, was zu tun war: Robert Marc Lehmann. Ein Biologe, der bereits an mehreren Walrettungen beteiligt gewesen war, der die Abläufe kannte, der wusste, wie ein Wal reagiert, wie er atmet, wie er kämpft, wie er geführt werden muss. Einer, der in anderen Ländern Schulter an Schulter mit Rettungsteams gearbeitet hatte, die genau für solche Situationen ausgebildet sind.
Als Lehmann am Strand eintraf, war die Lage chaotisch. Helfer wussten nicht, wohin. Boote fuhren ohne erkennbare Strategie. Die Behörden diskutierten über Zuständigkeiten, während der Wal im flachen Wasser feststeckte. Lehmann tat das, was erfahrene Retter überall auf der Welt tun würden: Er übernahm Verantwortung, weil niemand sonst es tat. Er markierte eine Rinne, er strukturierte die Helfer, er erklärte die Lage, er brachte Ordnung in ein System, das keine Ordnung kannte.
Und der Wal reagierte. Er bewegte sich. Er kämpfte. Er zeigte, dass er leben wollte.
Doch während Lehmann arbeitete, während er tat, was internationale Rettungsteams als Standard betrachten würden, begann die Stimmung zu kippen. Die Behörden, die selbst keine Expertise hatten, fühlten sich plötzlich übergangen. Nicht, weil Lehmann Fehler machte – sondern weil er tat, was sie nicht konnten. Weil er führte, während sie diskutierten. Weil er handelte, während sie Protokolle suchten. Dann kam der Moment, der alles veränderte.
Eine Funkdurchsage, scharf wie ein Messer, schnitt durch die Nacht:
Wenn es hier um Selbstdarstellung gehe, könne man den Einsatz abbrechen. Man würde ihn aus dem Verband ausschließen. Es war kein fachlicher Einwand. Es war kein Hinweis auf Gefahr. Es war ein Machtwort. Ein bürokratischer Reflex. Ein Versuch, Kontrolle zu behaupten, wo keine Kompetenz war. Lehmann brach ab. Nicht, weil er wollte – sondern weil er musste!
Und während er ging, während die einzige Person mit echter Erfahrung den Strand verließ, geschah etwas, das kaum jemand bemerkte: Die Behörden hatten längst begonnen, die Bergung eines Walkadavers zu organisieren. Geräte, Personal, Transportwege – alles war vorbereitet. Nicht für die Rettung eines lebenden Tieres, sondern für die Sicherung eines toten.
Während der Wal noch atmete.
Während er sich bewegte.
Während er kämpfte.
In anderen Ländern wäre jetzt ein Rettungsteam angerückt. In Neuseeland wären Dutzende Freiwillige geschult worden, um den Wal zu stützen. In Kanada hätte man ihn mit Booten sanft geführt. In Australien hätte man Experten eingeflogen, die genau wissen, wie man einen Wal stabilisiert, bevor er sich verletzt. In den USA hätte man ein Protokoll aktiviert, das seit Jahren funktioniert. Doch an der Ostsee wurde die einzige verfügbare Fachkraft ausgeschlossen – und der Wal seinem Schicksal überlassen.
Als Lehmann abgereist war, verlor der Wal erneut die Orientierung. Er strandete wieder. Diesmal ohne jemanden, der wusste, was zu tun war. Ohne jemanden, der die Abläufe kannte. Ohne jemanden, der die Verantwortung übernahm, die die Behörden nicht tragen konnten oder wollten. Und so blieb am Ende ein Bild zurück, das schwer zu ertragen ist: Ein Wal, der leben wollte. Ein Fachmann, der helfen wollte. Und Behörden, die sich selbst im Weg standen – und damit dem Tier die letzte Chance nahmen. Es war keine Rettungsaktion. Es war ein Kampf zwischen Engagement und Bürokratie. Zwischen Erfahrung und Eitelkeit. Zwischen einem Tier, das überleben wollte, und einem System, das nicht wusste, wie man Leben rettet – aber sehr genau wusste, wie man einen Kadaver verwaltet.
Andere Interessen als eine Rettungsmaßnahme
Die Wahrheit, die in solchen Momenten selten ausgesprochen wird, ist eine unbequeme: Ein toter Wal ist teuer – aber auch wertvoll. Die Bergung und der Abtransport eines gestrandeten Buckelwals verschlingen Summen, die im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegen können. Allein die logistische Herausforderung, ein bis zu 35 Tonnen schweres Tier zu bewegen, kostet schnell 10.000 bis 80.000 US‑Dollar. In der Ostsee wurden für einen vergleichbaren Fall rund 40.000 Euro nur für die Bergung veranschlagt. Doch diese Kosten sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist der wissenschaftliche und museale Nutzen, der aus einem Walkadaver entsteht – ein Nutzen, der so groß ist, dass er die hohen Ausgaben rechtfertigt.
Echte Buckelwalskelette sind extrem selten. Museen reißen sich darum, denn ein vollständiges Skelett ist ein Publikumsmagnet, ein Prestigeobjekt, ein wissenschaftlicher Schatz. Die Präparation, Reinigung, Konservierung und Montage eines solchen Skeletts kostet enorme Summen – aber sie schafft ein Exponat, das über Jahrzehnte Besucher anzieht. Replikate aus Fiberglas, die im Handel für 9.900 bis 14.000 US‑Dollar angeboten werden, sind nur ein schwacher Ersatz. Ein echtes Skelett ist unbezahlbar. Selbst einzelne Wirbel werden auf Plattformen wie eBay für 40 bis 50 US‑Dollar gehandelt – und das sind nur kleine Knochen eines riesigen Tieres.
In diesem Licht betrachtet wirkt die frühe Organisation der Kadaverbergung durch die Behörden in einem neuen, deutlich schärferen Ton. Während der Wal noch lebte, während er sich bewegte, während er kämpfte, waren bereits Geräte, Personal und Transportwege vorbereitet, um seinen Körper zu sichern. Nicht für die Rettung – sondern für die Verwertung. Für Forschung. Für Museen. Für Sammlungen. Für Institutionen, die aus einem toten Wal einen wissenschaftlichen oder musealen Gewinn ziehen würden.
Und genau hier entsteht der Schatten, der über der gesamten Rettungsaktion liegt: Die Kosten sind hoch, der Nutzen eines Kadavers ist immens, und die Behörden hatten frühzeitig alles organisiert, was man für einen toten Wal braucht – aber kaum etwas von dem, was man für einen lebenden Wal benötigen würde. Während ein erfahrener Biologe versuchte, das Tier zu retten, während er erste Erfolge erzielte, während er tat, was internationale Rettungsteams überall auf der Welt tun würden, bereitete das System sich bereits auf ein anderes Ergebnis vor.
Ein Ergebnis, das teuer ist – aber sich lohnt. Ein Ergebnis, das tragisch ist – aber verwertbar. Ein Ergebnis, das vermeidbar gewesen wäre – aber offenbar einkalkuliert wurde.
So fügt sich der finanzielle und wissenschaftliche Wert eines Walkadavers nahtlos in das Bild einer Rettungsaktion, die nie wirklich eine war.