RAF I ATOMKRAFT

Der MORD an Karl Heinz Beckurts

Mit der Aussage „RAF wirbt mit Mord um Atomkraftgegner“ wird auf das Attentat der dritten RAF-Generation vom 9. Juli 1986 Bezug genommen. Damals verübten Terroristen in Straßlach bei München einen Sprengstoffanschlag auf den Atomphysiker und Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts und dessen Fahrer Eckhard Groppler, bei dem beide Männer starben.

Quellepicture alliance/dpa/Thomas Gaulke

Der ohrenbetäubende Knall überraschte kaum jemanden, der ihn hörte. „Das war wieder einer von den Tieffliegern“, dachten sich an diesem Mittwoch, dem 9. Juli 1986, gegen halb acht Uhr morgens viele Bewohner von Straßlach, südwestlich von München. Man hatte sich schon an die Übungsflüge von Düsenjägern gewöhnt, die gelegentlich die oberbayerische Idylle buchstäblich erschütterten. Dieses Mal hatte es etwas früher am Tage geknallt als sonst, aber was war schon dabei?

Doch diesmal war es kein Tiefflieger. Als der Dienst-BMW des Siemens-Vorstandsmitglieds Karl-Heinz Beckurts, gesteuert von seinem Fahrer Eckhard Groppler, auf der Staatsstraße 2072 gerade Richtung Norden das Ortsschild passiert hatte und beschleunigte, schoss rund 50 Meter ortsauswärts, neben einer mächtigen Esche, eine Stichflamme empor.

Die dazugehörige Druckwelle erfasste die silbergraue Limousine, deren rechte Seite trotz Panzerung wie Konservenblech zerbeult wurde. Der tonnenschwere Wagen der Siebener-Baureihe schleuderte über die Straße, über einen Grasstreifen und einen geteerten Radweg hinweg und blieb in einem Maschendrahtzaun hängen, der das Vereinsgrundstück eines Schützenvereins von der Straße abgrenzte. Der hinter dem BMW fahrende Wagen mit zwei Personenschützern von Siemens blieb nahezu unversehrt – nur die Windschutzscheibe ging zu Bruch.

Anders in Beckurts’ Wagen: Der 56-jährige Physiker verblutete binnen Minuten, der 14 Jahre jüngere ehemalige Bundeswehrsoldat Groppler starb sogar sofort. Rund 50 Kilogramm Sprengstoff, zur Erhöhung der Sprengkraft in mehreren Gasflaschen gefüllt, waren auf einem Handwagen am Straßenrand deponiert gewesen. Gezündet worden war die massive Ladung mittels einer Kontaktschaltung auf der Straße; die Täter hatten sie beim Herannahen ihres Ziels über ein 80 Meter langes Kabel scharf gestellt. In der ersten Jahreshälfte 1986 hatte es keinen großen Anschlag der Linksextremisten in der Bundesrepublik gegeben – das vorherige Attentat Anfang August 1985 hatte selbst im Sympathisantenumfeld der Terroristen der dritten RAF-Generation für Unwillen gesorgt.

Allerdings nicht, weil bei der Bombenexplosion auf der Rhein-Main Air Base der US Air Force zwei Menschen getötet und 23 weitere teilweise schwer verletzt worden waren. Sondern weil eine Terroristin, entweder Birgit Hogefeld oder Eva Haule, am Abend zuvor einen jungen US-Soldaten in eine Falle gelockt und getötet hatte, um an seinen Dienstausweis zu kommen.

Selbst die linksradikale West-Berliner „Tageszeitung“ kritisierte die „moralische Verworfenheit“ und die „mangelnde Intelligenz“ der Ausweisbeschaffung. Die Mörder verteidigten den Mord an Pimental zunächst, doch weil die Kritik im für sie wichtigen Umfeld anhielt, relativierten sie ein knappes halbes Jahr später ihre Haltung: „Wir sagen heute, dass die Erschießung des GIs in der konkreten Situation im Sommer ein Fehler war.“

Die Hoffnung allerdings, es könnte bei der RAF ein Umdenken geben, war unrealistisch. Sicherheitsexperten warnten, es dürfte sich lediglich um die „Ruhe vor dem Sturm“ handeln. Tatsächlich nutzten die dritte RAF-Generation und die „Kämpfenden Einheiten“, eine Art Lehrlingsgruppe aus angehenden Terroristen, die Zeit, um eine Serie von Attentaten vorzubereiten.

Karl-Heinz Beckurts hatte auf einer Liste mit fast tausend Namen gestanden, die am 2. Juli 1984 bei der Festnahme von sechs mutmaßlichen RAF-Terroristen in einer konspirativen Wohnung in Frankfurt/Main sichergestellt worden war. In dem umfangreichen Material waren auch die drei Ziele genannt, die die RAF 1984/85 attackiert hatte: die Nato-Schule in Oberammergau (die Bombe versagte), den Chef des Triebwerksherstellers MTU Ernst Zimmermann, der vor den Augen seiner Frau erschossen wurde, und eben die Rhein-Main Air Base.

Die Antiterror-Experten des BKA hatten alle genannten Personen gewarnt und alle Institutionen zu verstärktem Schutz aufgefordert. Doch gegen die präzise gezündete schwere Bombe bei Straßlach hätte nur ein Radpanzer der Polizei oder noch schwereres Gerät der Bundeswehr geschützt.

Vermutlich koordiniert mit dem Doppelmord an Beckurts und Groppler detonierten am 24. und 25. Juli 1986 zwei Bomben vor dem Fraunhofer-Institut in Aachen und vor dem Flugzeugunternehmen Dornier in Friedrichshafen. Damit war klar: Die „Offensive 86“ des deutschen Linksterrorismus richtete sich gegen die Hightech- und speziell die Kernindustrie.

Offenbar versuchte die RAF, wenige Monate nach der Katastrophe von Tschernobyl unter radikalen Atomkraft-Gegnern neue Sympathisanten zu gewinnen. Darauf deutete das Bekennerschreiben hin: „Heute haben wir“, begann das Schreiben, das auf derselben Maschine getippt worden war wie die Selbstbezichtigungen zu den drei vorangegangenen RAF-Anschlägen, „den Vorstand für Forschung und Technik bei Siemens und Vorsitzenden des Arbeitskreis’ Kernenergie im BDI, Karl-Heinz Beckurts, angegriffen.“ Zur Rechtfertigung des Doppelmordes hieß es weiter: „Beckurts ist bei Siemens eine zentrale Figur: Er leitet die Forschung und technische Umsetzung in den für die Restrukturierung strategischen Bereichen.“

Wer auf Seiten der RAF direkt an dem Doppelmord beteiligt war, konnte nie aufgeklärt werden. Zwar wurden sowohl Eva Haule wie Birgit Hogefeld festgenommen, die eine noch Anfang August 1986, die andere erst sieben Jahre später in Bad Kleinen. Doch sie schwiegen in ihren Strafverfahren eisern zu allen Details. Beide erhielten die Höchststrafe lebenslänglich und kamen trotzdem schon nach 21 Jahren (Haule) und sogar nur 18 Jahren (Hogefeld) hinter Gittern wieder frei. Karl-Heinz Beckurts und Eckhard Groppler hingegen blieben tot, beide Witwen und die jeweils drei Kinder mussten mit ihrem Verlust weiterleben.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus. Zu seinen Büchern darüber zählen Eine kurze Geschichte der RAF und Der Stammheim-Prozess.


Die Tat und der Kontext im Detail:

Das Attentat: Die Täter zündeten am Straßenrand rund 50 Kilogramm Sprengstoff, als der gepanzerte BMW des Physikers passierte. Die Wucht der Detonation schleuderte das Fahrzeug über die Straße; beide Insassen starben. [1]

Das Motiv der RAF: Mit diesem Mord versuchte die sogenannte dritte Generation der Roten Armee Fraktion (RAF), die linksradikale und militante Anti-Atomkraft-Bewegung für sich zu gewinnen. In ihrem Bekennerschreiben rechtfertigten die Terroristen die Tat unter anderem mit der Beteiligung von Unternehmen wie Siemens an der zivilen Nutzung der Kernkraft. [1, 2, 3]

Die Resonanz: Die Strategie der RAF, neue Sympathisanten im Umfeld der Atomkraftgegner zu rekrutieren, ging nicht auf. Die Tat stieß auch innerhalb der linksextremistischen Szene und bei Umweltschützern weitgehend auf Ablehnung.

Der Ermittlungsstand: Trotz intensiver Ermittlungen bis in die jüngere Vergangenheit konnten die konkreten Schützen und Hintermänner dieses Anschlags bis heute nicht zweifelsfrei identifiziert werden. [1, 2]

    Historische Aufarbeitungen und Details zu den RAF-Morden dieser Epoche finden sich unter anderem in den Archiven der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) sowie in historischen Analysen der Welt.